23.07.2016-Sudety Challenge

Pitt berichtet von der Sudety Challenge 2016 – Die Anreise (23.07.16)

Gestern habe ich nach zweiwöchigem Werkstattaufenthalt den Bus wieder in Empfang genommen, heute durfte er schon direkt die 3 Stunden bis Karpacz tuckern. Karpacz, das liegt in Südwestpolen, ist Etappenort und Ziel der diesjährigen Sudety Challenge. Hier endet die 6-tägige Veranstaltung nach 367 km und über 12.000 Hm am kommenden Freitag. Schon der sonntägliche Prolog ist mit 36 km und 1119 Hm sportlich geraten. Ich bin gespannt, wie ich morgen rein komme, hoffe auf ein paar defektfreie Tage und Regen (Momentan Sonnenschein und rund 30 °C), damit sich die viel gelobten technischen Abschnitte noch etwas lustiger gestalten.

Der Prolog (24.07.16)

Die Nacht verläuft angenehm in Anbetracht dessen, dass ich mit 7 Sudetieren in einem Klassenzimmer einer Grundschule nächtige. Das Einer schnarcht, fällt mir auch nur auf, weil mir mitten in der Nacht mein Gehörschutz abhandenkommt. Da er in humaner Lautstärke vor sich hin brummt, mache ich mir auch gar nicht die Mühe den fehlenden Gehörstöpsel zu suchen. Ist irgendwie verträglicher als das gelegentliche Geschrei meines Nachwuchses. Gegen 7 entschließe ich mich nach dem dritten Mal rum drehen, mein Frühstück einzunehmen – reichlich Getreideflocken, Trockenfrüchte und Banane, das übliche eben.

Die Zeit bis zu meinem anvisierten Start im Prolog 12:45 Uhr will gar nicht vergehen. So unternehme ich diverse Versuche noch einmal einzuschlafen, mach mein Rad startklar und checke zudem aus, wo kostenloses WLAN zu bekommen ist. Leicht aufgeregt und meiner Form nach der Salzkammergut Trophy unsicher rolle ich zum Start und auf die Sekunde pünktlich geht es los. Zwei längere Anstiege gilt es heute zu meistern, verteilt auf immerhin 36 km mit beachtlichen 1119 Hm. So einen Prolog möchte ich mal bei der Tour erleben – die Luschen.

Schnell merke ich, dass die Leistungsunterschiede bei der Sudety doch gehörig sind, überhole ich doch Fahrer um Fahrer. Da die Anstiege mehrheitlich über zweispurige Waldautobahn fühen, ist das kein Problem. Nur meinen Plan, ruhig zu starten, gebe ich schnell auf, überholen macht einfach zu viel Spaß. Vom Recht des Schnelleren mache ich auch in der folgende Abfahrt gebrauch - kurzum es läuft. Auch den bergab geht es auf verhältnismäßig einfachen Wegen, aber das ist wohl heute auch nicht anders zu erwarten. Eine Ahnung davon was uns Morgen erwartet, bekomme ich doch noch als mir ordentliche Steinbrocken die Linie nach unten blockieren. Das wird noch lustig.

Am zweiten Berg nehme ich ein wenig raus, habe ich aufgrund meiner Zeit ein ziemlich gutes Gefühl. Die zweite Abfahrt ist anfangs gehörig steil, aber gut zu fahren und am Ende rasend schnell. Nach 1h50min überquere ich unspektakulär, ohne Wheely die Ziellinie und bin damit erst einmal 10. der Gesamtwertung, was mir sicherlich einen guten Startplatz für die 1. Etappe sichert. Steffen Langer hingegen schießt einfach mal den Vogel ab, wird 2. Gesamt mit 4s! Vorsprung auf den Drittplazierten. Mal schauen wie es morgen läuft.

Die 1. Etappe (25.07.16)

Gestern erwischt uns auf dem Nachhauseweg noch ein feiner kräftiger Regenschauer, der später in leichten Nieselregen umschlägt und die Nacht lang anhält. Das erzählt man uns zumindest am Morgen. Ich selbst schlafe schlecht. Ob das nun an unserem Schnarchbär liegt, den ich diese Nacht etwas aktiver wahrnehme, weiß ich nicht. Jedenfalls wache ich gegen 6 Uhr auf und fühle mich wie gerädert. Dabei habe ich mich doch gestern Abend guten Mutes auf meine Matratze gebettet.

Ich bin nicht unglücklich als ich kurz nach 8 Uhr das Gerücht über eine verkürzte Etappe vernehme. Warum? Weather Conditions. So werden aus den anvisierten 66,7 km / 2395 Hm 50 km mit 1900 Hm. Pünktlich 10 Uhr erfolgt der Startschuss durch den Ortsvorsteher. Da wir uns im Ort erst einmal neutralisiert vorwärts bewegen, bringt mir Startblock 1 herzlich wenig, drängeln sich doch wie üblich ein paar „ganz Schnelle“ noch von hinten auf dem Seitenstreifen vorbei.

Am Beginn des ersten Anstiegs, welcher trotz 2 m Breite aufgrund unzähliger loser Steine nur eine schmale gut fahrbare Spur aufweist, ist das Gedrängel dementsprechend groß. Das hätte der Veranstalter besser lösen können. Zum Glück bildet sich ziemlich schnell eine lange Schlange. Sofern einer der vor mir Fahrenden einen Fehler macht, rücke ich dementsprechend einen Platz vor. So entsteht irgendwie die zweite Verfolgergruppe der Rennspitze, an deren Ende ich mich wieder finde.

Dass nicht jeder Pole eine super Fahrtechnik aufweist, aber verbissen um jeden Platz kämpft, erlebe ich im anschließenden Flachstück. Ist schon lustig, nimmt der gelockte Freund doch immer den kürzesten Weg. Sofern eine Pfütze seinen Weg kreuzt, versucht er sie zu überspringen, schafft es aber bei 9 von 10 Versuchen nicht. Vielleicht ist es auch eine Zermürbungstaktik, bekomme ich doch all sein Spritzwasser ab. Das Pfützenhopping hat irgendwann ein Ende und es geht in eine unspektakuläre lange Abfahrt auf einer Waldautobahn, direkt gefolgt vom zweiten Anstieg des Tages.

Spätestens hier merke ich, dass ich doch nicht die besten Beine habe. Meine Gruppe muss ich ziehen lassen, auch „Locke“ gerät langsam außer Sicht. Von hinten schließen Fahrer auf, der Kopf bestimmt immer mehr die Leistung welche in Richtung GA2 abdriftet. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Ein paar Plätze mache ich auf der recht langen Abfahrt über eine scheinbar alte Poststraße gut, werde dafür aber auch bis zur Schmerzgrenze durchgeschüttelt. Kurz drauf geht es wieder bergan und meine Leistung weiter in den Keller. Wo soll das noch Enden?

Zu meinem Glück schließt in einem Flachstück ein Zweierteam, welches vorher mit Panne liegen geblieben war, auf und mir gelingt es mich hinten dranzuhängen. Der Dänenexpress macht gut Tempo während ich entspannt hinten im Speisewagen die Gelspritze zücke. Eine kurze Freude, denn die Lok bleibt alsbald wieder mit technischem Defekt liegen. Nicht gerade deren Tag.

Auch ich steige zeitnah vom Rad, tue dies aber freiwillig, weil sich vor mir ein Steinfeld auftut, welches es hinauf geht. Es ist durchaus fahrbar, kostet aus meiner Sicht aber zu viele Körner. Ich behalte Recht und schließe flinken Schrittes zu zwei vor mir liegenden Fahrern auf. Dem Steinfeld folgt der schönste Abschnitt des Tages, ein Trail auf der polnisch-tschechischen Grenze der sich fast wie ein Pumptrack fährt, nur eben umrandet von herrlicher Natur.

Im Trail scheint mein Diesel wieder angesprungen zu sein, jedenfalls fahre ich im folgenden Anstieg 3 Fahrer auf, unter ihnen auch „Locke“. Kollege „Schnürrschuh“ hat wohl noch ein paar Körner im Tank, schafft er es doch sich an mein Hinterrad zu heften. Ich pupse was ich kann, es hilft aber nicht – „Locke“ bleibt eisern, wenn auch leicht blass, am Hinterrad kleben. Dem letzten Berg folgt die Zielabfahrt, zunächst technisch einfach auf einer Waldautobahn. Als der Untergrund auf Wiese wechselt, ich weiter mit offenen Bremsen unterwegs bin, gibt er sich letztendlich doch geschlagen und verschwindet aus meinem Rückspiegel.

2:28 h benötige ich letztendlich für die verkürzte Strecke, das ergibt doch noch Platz 12. Damit halte ich erst einmal Platz 10 in der Gesamtwertung, zumindest bis morgen. Ich hoffe auf eine etwas erholsamere Nacht, dass die Massage, welche ich mir gönne, ihr übriges tut und ich in die kommende Etappe etwas besser reinfinde.

Die 2. Etappe (26.07.16)

25 °C und strahlender Sonnenschein um 10 Uhr am Start – der Regentanz hat also nichts gebracht. Ganz im Gegensatz zur Massage, welche ich mir gestern gegönnt habe, denn die Beine sind von Beginn an da. So läuft es auch im ersten Anstieg auf rund 1100 m ganz gut, zunächst auf Asphalt, danach auf einer Waldautobahn, die in einen kurzen Trail übergeht. Die Rennspitze, welche aus einem Polen und einem Belgier besteht, sehe ich gut 150 m vor mir. Dazwischen befinden sich noch Steffen Langer, ein paar Teamfahrer sowie maximal 3 weitere aus der Einzelwertung. Es läuft.

In der folgenden, recht steinigen, steilen Abfahrt sind dann einige schon wieder mit dem Messer zwischen den Zähnen unterwegs. Das hier keiner ´nen Abflug macht ist eher Glück als Können. So muss ich einem quer-zur-Spur-aus-dem-Gebüsch Kommenden auch scharf ausweichen und lande in der Harvester-Spurrille. Ich kann es abfangen; büße dabei noch nicht einmal einen Platz ein, da besagte Spur sich als Abkürzung erweist.

Es folgt noch ein Stück Forstweg bevor es in einem langen, auch wieder steinigen Anstieg geht. Um gemäßigtes Tempo bemüht, muss ich hier auch „Locke“ vorbei lassen. Der ist übrigens gar kein Pole, sondern Däne und lebt scheinbar an der Küste. Das würde zumindest seine Affinität zum Wasser erklären. Auch wenn er nicht fahren kann – Bums hat er.

Die Schinderei von eben ist schnell vergessen, geht es doch mal wieder auf der Grenze zu Tschechien auf einem Trampelpfad weiter. Auf und ab in einem Meer von Blaubeersträuchern – was für eine schöne Ecke, denke ich zunächst. Das ich gerade in den im Racebook mit „March or Die“ betitelten 20 km Singletrail beginne, wird mir wenig später klar.

Der Trail ist gelinde gesagt wellig mit knackigen Ausreißern nach oben und unten sowie gespickt mit Wurzeln und Steinen. Weder bergauf oder bergab noch im halbwegs Flachen (wir befahren mehrmals in grauer Vorzeit aufgeschüttete, zugewucherte Grenzbefestigungen) kann man sich hier erholen. Das dabei in den Abfahrten die Unterarme zu machen, was das Bremsen erschwert, versteht sich von selbst. Das Ding kostet richtig Körner, aber ehrlich – wer bei so was anfängt zu meckern, sollte lieber Rennrad fahren.

Nach schier endloser Zeit hat der Trail dann doch ein Ende und ich erreiche die 3. Verpflegung. Wohl wissend dass jetzt noch ein paar böse Berge warten, lege ich einen formidablen Stop hin, fülle meine Flasche auf und gönne mir noch etwas Melone. Gut 500 m vor mir meine ich das Trikot von „Locke“ zu erkennen und mache mich auf die Verfolgung. Mit dabei ist mittlerweile ein kleiner Spanier, welchen ich kurz vor der Verpflegung eingeholt hatte. Die Lücke zum vermeintlichen „Locke“ wird schnell kleiner. Ganz schließen lässt sie sich vor der nächsten Abfahrt aber nicht mehr.

Da diese Abfahrt abermals verblockt und steil ist und ich meine Unterarme schon zuvor recht gut malträtiert habe, muss ich diese gemäßigt angehen. Für meinen spanischen Begleiter auf seiner „Fullysänfte“ muss es trotzdem ein feiner Anblick sein, schüttelt es mich doch ordentlich durch. 15 km sind noch zu fahren, die Lücke zum Dänen, der sich dann doch nicht als „Locke“ entpuppt, ist längst geschlossen und der Spanier nach hinten abgefallen. Da bemerke ich ein leicht schwammiges Fahrverhalten meines Hinterrades. Scheibe…, ein Schleicher. Da meine CO2-Pumpe ihren Dienst versagt, überholen mich sowohl der Däne, als auch der Spanier wieder. Keiner hat natürlich eine Pumpe dabei. Das Loch im Mantel sieht klein aus, dennoch muss ich erst einmal schieben. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit bis weitere Fahrer in einer größeren Gruppe kommen. Wenigstens einer hat dann doch eine Pumpe übrig.
Ich pumpe wie wild, der Reifen scheint dicht, ich fahre wieder los, komme aber gerade bis zur nächsten Verpflegung. Einen Schlauch habe ich nicht mit, an mein „Sahmurai-Kit“ im Lenker denke ich in dem Moment nicht, sondern versuche einfach mit einer Standpumpe und etwas mehr Druck mein Glück. Sieht gut aus, ich schieße los, hole meinem Pumpenspender wieder ein, muss dann aber wieder stoppen und Luft nachfüllen. Von hier ab fehlt mir jegliche Motivation. Dementsprechend langsam gehe ich die letzte Abfahrt an, wohl auch weil beim ständigen Durchschlagen der Felge ein Komplettausfall nicht so weit entfernt ist.

Nach rund 4:20 h erreiche ich als Gesamt 18. das Ziel und verliere damit gut 13 min auf den Spanier, den ich eigentlich im Griff hatte und rutsche somit auch ziemlich sicher aus den Top 10. Noch schlimmer erwischt es Steffen, der quasi zeitgleich mit mir das Ziel erreicht. Er verfährt sich 15 km vor dem Ziel. Nach zwei 2. Plätzen in Folge kann er mit dem heutigen Rückstand seine Ambitionen auf den Gesamtsieg der Sudety höchst wahrscheinlich begraben.

Die 3. Etappe (27.07.16)

Die Nacht ist unruhig. Mein Körper hat in den ersten Nachtstunden noch die Heizung voll aufgedreht, sodass ich nur mit Handtuch bedeckt einschlafen kann. Ab 3:30 Uhr wache ich quasi im Stundentakt auf, es stört einfach alles. Die Beleuchtung draußen, der schnarchende Nachbar, die Hühner ins besondere der Hahn auf dem Nachbargrundstück. Dementsprechend gut erholt stehe ich gegen 6 Uhr auf und laufe noch immer wie auf Stelzen.

Die anstehende Etappe ist mit knapp 50 km und 1850 Hm zwar auf dem Papier abgesehen vom Prolog die geringste Herausforderung, dafür geht es aber auf den ersten 40 km mehr oder weniger stetig bergauf. Auch wenn mir sanfte Anstiege, und damit beginnt die heutige Strecke, eigentlich liegen, so richtig in Tritt komme ich nicht. Auch auf den Flachstücken, auf welchen ich sonst eigentlich gut Löcher zudrücken kann, geht quasi nix. Wahrscheinlich hat mich die Luftnummer von gestern doch einiges mehr an Körnern gekostet als gedacht.

Nachdem ich die zweite Gruppe gehen lassen muss, schalte ich in den Recovery-Modus – bringt ja nix. Anstiege fahre ich von nun an in meinem Tempo, Flachstücke versuche ich möglichst an einem Hinterrad zu absolvieren. Die Strecke ist auf den ersten Kilometern trotzdem recht schnell, das erste Highlight des Tages demzufolge zeitig erreicht. Es ist ein 30 m hohes Aquädukt, welches wir zunächst überqueren und wenig später darunter hindurch fahren.

Dazwischen die steilste Abfahrt der ganzen Challenge, so steil dass ich keinen fahren sehe. So schlimm sieht sie gar nicht aus, also Kopf aus und runter. Ich rutsche gut bis zur Mitte, dann muss ich eine Entscheidung treffen – Person oder Stein. Es wird der Stein, der meine Fahrt unsanft bremst und mich über den Lenker befördert. Es passiert aber nix, nur schieben muss ich die letzten Meter. Direkt danach folgt ein steiler Anstieg hoch zu einer Festung und ein kleiner feiner Trail entlang der Festungsmauer, sehr flowig das Ganze.

Die Zeit der Waldautobahn ist quasi vorbei, von nun an geht es auf Trampelpfaden quer durch den Wald, wie erwähnt mehr oder weniger stetig aufwärts, immer wieder unterbrochen von kurzen recht technischen oder steinigen Abfahrten. Irgendwo bei km 30 sieht man einen richtig scharfen Zacken im Höhenprofil, recht kurz aber definitiv nicht fahrbar. Selbst das schieben ist hier eine Qual, und da bin ich vom Salzberg bei Hallstatt doch einiges gewöhnt.

Kurz vorm vorletzten Berg sacke ich mal wieder ´nen Spanier ein. Es ist aber nicht der Kollege von gestern, sondern wahrlich sein vollbärtiger Halbbruder. Er lässt sich leider nicht so leicht abschütteln, wohl auch weil mir das Geläuf, auf dem wir die nächsten Kilometer – aufwärts natürlich – absolvieren, äußerst steinig ist. Hier gibt es einfach keinen Rhythmus, und fürs drüber drücken sind meine Beinchen viel zu leer. Oben auf der Kuppe kommt ein Zweierteam von hinten. Deren Hinterrad kann ich zwar nicht ganz halten, der Versuch reicht aber und es gibt eine kleine Lücke, die ich kleiner Abfahr- nicht Abfuhrkönig schnell vergrößere.
Es läuft flüssig, bis es mir plötzlich das Vorderrad verzieht und ich aus vollem Speed über den Lenker absteige. Ich segel ein Stück, schlage dann glücklicherweise auf dem Wegesrand und nicht im Steinfeld mit dem Rücken voran auf. Ellenbogen aufgeschlagen, linkes Knie lädiert, der Rücken schmerzt. Aber nicht so, dass ich die Segel streiche, mein Rad ist ja auch noch ganz. Als ich kurz darauf auf Steffen Langer auffahre, welcher pumpend am Wegesrand steht, beschließen wir, den Rest der Strecke zum Ausrollen zu nutzen. So stoppen wir auch noch an zwei drei Himbeersträuchern, pedalieren ohne Stress den letzten Berg hinauf und mit etwas Spaß wieder hinunter.

3:20 h sind es ungefähr im Ziel, welche Platzierung das ist weiß ich wahrlich nicht. Ich schaffe es aber trotz zweier gebrauchter Tage in Folge nicht aus den Top 15 zu fallen. Im Gegenteil, ich verbessere mich sogar noch – anderen (er)geht es also scheinbar noch schlechter. Morgen steht die Königsetappe an, mal schauen wie die Nacht wird – es hat zumindest schon einmal angefangen zu Regnen.

Die 4. Etappe (28.07.16)

90 km und 2700 Hm weist die heutige Etappe auf – Königsetappe möchte ich sie im Nachhinein dennoch nicht nennen. Es geht von Głuszyca nach Karpacz, wo Morgen die Sudety auch endet. Sehr verhalten setzen wir uns in Bewegung, nur der Zweitplatzierte setzt sich mit seinem Teamkollegen ein wenig ab. Als nach wenigen Kilometern der Untergrund von Asphalt auf Schotter wechselt, hängt der Teamkollege aber auch schon wieder vorm Feld und versucht doch tatsächlich das Tempo vom Feld zu verschleppen. Klappt auf der 3 m breiten Waldautobahn bei 2-3 % Steigung geschätzte 2 Minuten, dann düst Steffen Langer vorbei und natürlich springen einige nach. Das war dann wohl ein Satz mit X.

Ich selbst habe aufgrund des niedrigen Tempos bis dahin keine Probleme, fühle mich ganz gut, merke aber schon bald nach der kleinen Tempoverschärfung, dass die Beine nicht wirklich wollen. Da ziehen schon einige Leute an mir vorbei, die in der Gesamtwertung noch hinter mir liegen. Irgendwann hat sich das Feld soweit geordnet, dass ich mich in einer Gruppe wiederfinde, wo ich mich etwas quäle, das Tempo aber noch mitgehen kann. Sollte ich heute auch, den die Etappe ist verdammt schnell – eine richtige Überführungsetappe eben.

Nach einer guten Stunde fange ich mich ein wenig, beginne langsam wieder einige Plätze nach vorn gut zu machen. Meist passiert es wenn es etwas technischer wird, und immer wieder sind auch Fahrer aus dem ersten Startblock, d.h. den Top 14 dabei. Es ist leider nur ein kurzes Strohfeuer, welches ich da abfackle. Nach zwei Stunden oder 45 km, gerade als ich Carsten von Bike 24 auffahre, wird es wieder zäh. Seine Gruppe kann ich in einem längeren Anstieg nicht halten. Schlechtes Timing, denn nach der anschließenden Abfahrt folgt ein langes Flachstück, und ich bin nach 60 km so ziemlich auf verlorenem Posten.

Im endlos langen Anstieg zum höchsten Punkt des Tages kommt natürlich noch eine Gruppe und es gelingt mir, mich zumindest dran zu hängen. 15 km und 600 Hm später stürzen wir uns in eine Schotterabfahrt, lassen die letzte Verpflegung aus und erreichen den letzten Anstieg des Tages. Relativ kurz, steinig, und dann ist er endlich da, der einzige richtige Trail des Tages hinunter zum Ziel- immerhin ein Stück. Mein Gemüt hellt sich etwas auf, ich meistere noch die letzten Meter und erreiche nach rund 4:40h das Ziel. Die Formkurve zeigt zwar leider nach unten, es schmerzt in sämtlichen Gliedmaßen, aber die letzten 50 km morgen werde ich nun auch noch irgendwie meistern.

Die 5. Etappe (29.07.16)

Die 5., also letzte, Etappe, steht für Freitag auf dem Plan. Eins vorweg – ich hätte nicht unbedingt mit solch trail-lastigen, technischen, den Fahrer fordernden und das Material malträtierenden Kilometern zum Abschluss gerechnet. Mir schwebte da eine entspannte Ehrenrunde um Karpacz vor, aber es sollte noch einmal richtig schwer werden.

Die letzte Nacht war die schlimmste der ganzen Sudety. Untergebracht in einer Turnhalle mit all meinen Leidensgenossen, der Crew und den Rädern erfahre ich nun wirklich, was Sammelunterkunft bedeutet. Erst kurz nach Mitternacht gehen die Lichter an der Turnhallendecke aus. Stetig bewegt jemand quietschend seine Isomatte über den Turnhallenboden, geschnarcht wird im Chor – trotz Erschöpfung ist von Schlaf keine Rede, auch wenn die Augen ab und an für eine Stunde zu gehen.

Der Schädel brummt am Morgen als hätte ich mit den Mechanikern gestern ´nen Liter Slibowitz vernichtet. Die Glieder schmerzen – auf´s Rad steigen? Um Himmels Willen! Nach dem Frühstück und Einrollen sieht die Gemütslage schon etwas besser aus, die letzten 56 km und 2127 Hm werde ich auch noch hinter mich bringen. Die Beine fühlen sich nicht gut an, doch die letzten Tage zeigten, dass sie sich gar nicht gut anfühlen müssen, um akzeptabel zu „finishen“.

Das bewahrheitet sich auch auf den ersten Höhenmetern. In der folgenden Abfahrt lasse ich es wie gewohnt laufen, fahre auf einen Fahrer auf und schere zum Überholen aus, da knallt es ordentlich. Den Stein habe ich so direkt hinter meinem Vordermann nicht kommen sehen – das kann nicht ohne Platten ausgehen. Und so ist es auch. Es ist nicht der Mantel, der ein Loch aufweist, sondern es hat die Felge ordentlich deformiert. Da hilft auch kein Sahmurai-Flicken mehr. Einen Schlauch habe ich nicht mit, also beginne ich nach 10 min Fahrt mit dem Bittstellen um einen Schlauch.

Die Hälfte des Feldes ist vorbei, da erhört eine Dame mein Flehen und geht so rabiat in die Eisen, dass ihre Teampartnerin fast noch in sie rein rauscht. Sie überlässt mir einen 26“ Schlauch, den ich mühevoll aufziehe und mit Luft befülle. Funzt! Den letzten Fahrer muss ich gerade noch passieren lassen, dann erfolgt mein Neustart. Hinter den Tag mache ich vorsorglich schon einmal einen Haken – Ankommen reicht dann vollkommen aus.

Mit Geduld und nicht immer auf der idealen Linie passiere ich unzählige Fahrer. Für einige ist es wohl wirklich erstaunlich, dass man bergan bzw. bergab in etwas technischeren Passagen >fahren< kann. Irgendwann schnauft es dampflockartig hinter mir, dann schiebt sich Locke mit Vehemenz vorbei. Der hat wohl sein Smörrebröd vergessen und ist zurück gefahren, denn ich hab ihn jedenfalls nicht am Rand stehen und reparieren gesehen.

Da wir uns schon auf engen Trampelpfaden bewegen, wird ebenso energisches Überholen vorausgesetzt, wenn man Ihm folgen möchte. Einerseits bringt mir das in der Tageswertung vielleicht ein paar Plätze / Minuten. Andererseits gewinne ich dadurch sicherlich keine neuen Freunde. Also lasse ich ihn ziehen und genieße im Grundlagentempo die wirklich schön gewählte Streckenführung. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit – eine eiserne Querrille bei ca. Kilometer 20 – und ich handle mir den zweiten Plattfuß des Tages ein. Hinter den vorhin beim Tagesziel gesetzten Haken steht nun noch ein Ausrufezeichen.

Ist nun auch egal. Diesmal erhalte ich sogar eine 29“ Schlauch, welchen ich einbaue und danach meine Fahrt fortsetze. Nach der zweiten Verpflegung geht es noch einmal hinauf auf 1012 m ü. NN, den höchsten Punkt des Tages und dann hinein in einen gut 4 km langen, schlammigen Abschnitt. Unterbrochen wird der von einer steinigen, glitschigen Abfahrt. Teilweise versinke ich bis zum Knie im Matsch. Da mir die Zeit egal ist, habe ich trotzdem meinen Spaß.

Irgendwie büße ich hier aber den Rahmenadapter für meine Steckachse ein. Diese bleibt also nur noch durch etwas Haftreibung in Position. Da stehe ich also im Riesengebirge, vor mir noch gut 15-20 km, dabei hab ich nur das Höhenprofil und muss jetzt eine Entscheidung treffen. Laufen und Abbrechen oder Fahren und Finishen. Ich rolle weiter, fahren kann man es nicht nennen, vorallem nicht in den Downhills. Dabei kontrolliere ich unzählige Male den Sitz der Steckachse. Diese rotiert zum Glück aber nur etwas um die eigene Achse. In Feedzone 3 dann meine Rettung. Die trinkfesten Mechaniker haben einen konischen Rahmenadapter der halbwegs passt. Danke Jungs, fährt sich schon deutlich sicherer.

05:22:49 benötige ich letztendlich für die Strecke und damit fast 2h mehr als der Sieger, lande damit gerade noch in den Top 100 des Tages und katapultiere mich aus den Top 15 der Gesamtwertung – mal verliert man, mal gewinnen die Anderen. Aber ich komme eben auch ins Ziel und beende die Sudety ohne Ausfall.

Was bleibt von der Sudety hängen? An sich ist es eine super Veranstaltung. Unterkunft, Gepäcktransport, Massagen, Mechanikerservice – da gibt es organisatorisch keine Abstriche. Die Streckenführung ist abwechslungsreich, wenn auch nicht jeden Tag super technisch. Es jedem recht zu machen, ist zudem eine Kunst die keiner kann. Auch wenn man einen Aufpreis zahlt, es sei denn man ist ein waschechter Pole, die rund 600€, welche ich in Summe für Startgeld, Verpflegung etc. ausgegeben habe, sind quasi bei 6 Etappen konkurrenzlos günstig. Von einer Sammelunterkunft kann ich nur abraten. Weiterhin bin ich total im Eimer und will mein Rad auf unabsehbare Zeit erst einmal nicht mehr sehen.

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